Nur mal eben kurz eine EP…

 

Draußen ballert die Sonne in für diese Breitengrade und Jahreszeit ungewohnter Intensität. Alle Türen und Fenster stehen sperrangelweit offen. Einige liegen in der Sonne, andere versuchen sich als Hobbypyromane im Kremieren ehemals unterschiedlich hochwertiger Lebensmittel. Vogelgezwitscher, das Aroma von Sonnenmilch auf verschwitzten Schultern und Zweitaktersprit aus Opas Rasenmäher. Ein Idyll. Welt, Du kannst so toll sein. Fehlt eigentlich nur noch Musik.

Julia hilft. Mit unschuldigem Grinsen schiebt sie mir eine EP über den Tisch: Geist – Ausser Kontrolle. „Ist aber härter“, meint sie. Ja perfekt! Mal eben reinhören. Ist ja nur eine EP… Kennste das? „Was kann schon schief gehen“? Irgendwann werde ich es lernen, nicht andauernd auf diese Unschuld heuchelnden Ankündigungen reinzufallen. Irgendwann. Ganz bestimmt.

Ich lag schon einige Male mit meinen Erwartungen daneben, manchmal sogar ziemlich weit. In diesem Fall liege ich aber so weit daneben, dass ich mich mindestens fünfmal davon überzeugen muss, dass ich wirklich gerade das höre, was mir angekündigt wurde, nämlich Geist, die Band aus Köln und nicht jene andere Band aus Seattle, die vor vielen Jahren meine Stimmung so exakt auf den Punkt traf: Pearl Jam.

Versteh mich nicht falsch. Es gibt einiges, das ich an den späteren Alben dieser Band kritisiere. Aber Ten läuft für mich außerhalb jeglicher Konkurrenz. Es gab etliche Bands, die mehr oder weniger offensiv versucht haben, mit Pearl Jam gleichzuziehen, Coverbands wie auch ganz eigene Projekte. Aber sie alle waren – bei allem Respekt – für mich entweder „nur“ ein mehr oder weniger gut gemachter Abklatsch oder eben „nur“ der Versuch etwas zu Covern, was einfach nicht „mal eben so“ zu covern ist.

 

Geist Bandshot

 

 

Geist – Ausser Kontrolle ist kein Cover. Es ist auch kein Tribute oder so. Das hat die Band mit ihren Alben mehrfach unter Beweis gestellt. Sie sind Geist, eine eigenständige Band. Und jetzt das. Ausser Kontrolle hat so viel von dem, was Pearl Jam damals richtig gemacht hat, ist so verdammt nah an Ten, dass ich den ganzen Vormittag mit mir, dieser EP und meiner Fassung ringe. „Nur mal eben eine EP…“ Klasse. Danke, Julia.

Die Band erfasst exakt den prägnanten Stil des Seattle-Grunge der frühen 1990er Jahre. Die Band entschuldigt sich ernsthaft dafür, dass sie nach ihren Ausflügen in die akustische Ecke jetzt zu ihrem ursprünglichen Sound zurückkehrt? Sorry, aber das ist keine „Rückkehr“. Was auch immer in der Zwischenzeit bei der Band passiert ist, es ist der richtige Weg.

Nicht nur der Sound passt. Er ist breit, voluminös, kantig, drückt und hat diese ganz spezielle Schwere. Dazu die Texte. Intelligent, emotional, maskulin und doch nachdenklich, komplex und zerbrechlich. Schwer in Worte zu fassen und doch ganz einfach intuitiv zu verstehen. Die Songs transportieren Stimmung und Gefühl, die jeder kennt und trotzdem nicht in Worte fassen kann. Nicht melancholisch und doch mit einer eigenen Traurigkeit, nicht aggressiv und doch voller Wut, der aus Verzweiflung entsteht. Und das auch noch auf Deutsch!

Das Gesamtpaket ist rund und es ist besonders. Geist – Ausser Kontrolle ist so dermaßen dicht an allem, was ich damals an dieser Musik bewundert habe, dass es mich erschreckt, meine eigenen Worte zu lesen. Wenn mir gestern jemand gesagt hätte, dass ich mal eine EPfreiwillig in die Nähe des mir nahezu heiligen Ten rücken würde, hätte ich gelacht. Laut und ausdauernd. Heute jedoch…

 

Ich weiß, das alles klingt nach jemandem, der ein Album oder genauer: eine EP entdeckt hat, die er einfach toll findet. Aber diese EP ist mehr. Um das zu verstehen, muss man wahrscheinlich miterlebt haben, was aus diesem Genre wurde, was damals schlagartig verschwand, als der Seattle-Grunge kommerziell erfolgreich wurde und trotz vieler Versuche nie so richtig wieder zum Leben erweckt werden konnte. Diese EP ist auf eine bemerkenswerte Art ursprünglich und elementar und gleichzeitig ergänzt sie diesen Stil auch um so viel Eigenes, dass ich mit den Superlativen aufpassen muss, um mir wenigstens einen Rest Glaubwürdigkeit zu erhalten.

Vier Songs. Bloss vier gottverdammte Songs ist diese EP kurz. Aber diese vier Songs könnten genau das sein, was unter dem Kessel des inzwischen leider doch ziemlich verschnarchten Grunge wieder jenes Feuer entzünden kann, dieses Gefühl entfesseln, wegen dessen wir schon mal alles stehen und liegen gelassen haben und losgezogen sind, um alles zu verändern.

 

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